Kurzgeschichte - 22.04.1992

									Schloss Saumur

Donner grollt, als Michael, ein groer, schlanker, schwarzhaariger Mann, sich dem Schloss nhert und Schutz vor dem kalten Regen sucht. Der dunkle Himmel lsst nur wenig Licht auf den Boden fallen, doch die mittelalterliche Steinburg leuchtet schwach vor ihm. Ihre vier hoch aufragenden Ecken berragen drei ihrer hohen, gezackten Mauern. Die vierte Mauer erhebt sich nur wenig ber den Boden und beherbergt eine Tr.

Als er die groe Holztr bemerkt, beschleunigt er seine Schritte. Ein Blitz schlgt in einen alten Baum einige Meter links vom Schloss ein, die Mauer erleuchtet fr den Bruchteil einer Sekunde. Gedanken an alte Geistergeschichten gehen ihm durch den Kopf, er zgert einen Moment, doch die bittere Klte vertreibt ihn schnell, und er geht zum Schloss.

Nun ist er in Reichweite der massiven Eichentr, und seine kalte Hand berhrt schnell den angelaufenen Messingklopfer. Keine Antwort. Er klopft den Trklopfer fester an die Tr. Noch immer keine Antwort, doch die groe Tr knarrt langsam auf. Er ruft in die Dunkelheit, in der Hoffnung auf eine Antwort, und betritt das Schloss. Im dunklen Vorraum empfngt ihn nur Stille.

Im prasselnden Regen betritt er den dunklen Korridor. Er schliet die Tr, um den Regen auszusperren, und bemerkt ein schwaches Licht, das unter der Tr zu seiner Linken flackert. Seine kalten Knochen ziehen ihn zu etwas, das ein Feuer sein knnte. Der Donner des Sturms drhnt ber den Boden des Schlosses, als er leise an die Tr klopft.

Die Stimme eines wettergegerbten Mannes antwortet: "Hallo."

"Entschuldigen Sie, wenn ich Sie stre, aber mein Auto hat weiter oben auf der Strae eine Reifenpanne", antwortet Michael hflich.

Die Stimme sagt: "Nein, es ist schon in Ordnung. Bitte kommen Sie herein."

Michael ffnet leise die Tr und blickt sich in dem warmen Raum um. Der kleine Raum ist mit goldenen Kandelabern und Wandleuchtern geschmckt. ber dem Kamin hngt das Portrt eines einsamen weien Hengstes auf einer Wiese. In der hinteren Ecke des Raumes erkennt er die Silhouette eines Klaviers vor einem Eingang zum Hof. Darunter spiegelt das kunstvolle Muster des Teppichs das tanzende Licht des Feuers.

Leise spricht der alte Mann: "Bitte setzen Sie sich und trinken Sie eine Tasse Tee, um sich aufzuwrmen. Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Ich bin Phil. Mir liegt das Schloss und sein Gelnde am Herzen."

Michael fragt: "Darf ich meinen Mantel am Kamin aufhngen?"

Phil erweist ihm seine Gastfreundschaft und antwortet: "Machen Sie es sich bitte bequem."

Nachdem Michael seinen Mantel aufgehngt hat, dreht er sich um, geht zu dem anderen Stuhl gegenber dem alten Mann und setzt sich. Er blickt auf den Tisch und bemerkt das silberne Serviertablett fr zwei Personen.

Whrend er Tee serviert, sagt Phil: "Es ist lange her, dass ich das Vergngen hatte, Gesellschaft zu leisten. Ich kenne viele alte Geschichten ber dieses Schloss."

Dankbar, nicht im Regen zu sein, antwortet Michael: "Wirklich?"

Der alte Mann sagt: "Ja. Mchten Sie eine hren, whrend Sie warten, bis der Sturm nachlsst?"

Michael antwortet leicht interessiert: "Ja, sicher."

Phil beginnt: "Vor mehreren hundert Jahren war der ursprngliche Schlossherr mit einer jungen Frau verheiratet, der schnsten Jungfrau im ganzen Land. Doch er ahnte nicht, dass seine Frau ihn nur wegen seines Reichtums geheiratet hatte. Da er alt war, hofften sie und ihr Geliebter, dass er bald sterben und sie das Anwesen erben wrde. Doch seine Gesundheit blieb ihm treu. Nach einigen Jahren wurden sie ungeduldig und begannen, seinen Untergang zu planen."

Michael verliert das Interesse an der Geschichte, bemerkt den zunehmend strker werdenden Sturm drauen und bittet: "Bitte erzhl mir mehr."

Nach mehreren Treffen beschlossen die Liebenden, ihn auf ihrer dritten Jahrestagsfeier zu vergiften. Gegen Ende des Essens wurde er krank und zog sich in seine Gemcher zurck. Spter am Abend kam seine liebliche Frau, um nach dem Fortgang des Giftes zu sehen. Als sie sein Zimmer betrat, fand sie ihn zu ihrer Enttuschung gerade dabei vor, sich wieder seinen Gsten anzuschlieen. Zu ihrem groen Entsetzen gesellten sie und ihr Mann sich wieder zu ihren Gsten."

Whrend Phil kurz innehlt, sagt Michael zu sich selbst: "Ich bin froh, dass ich nicht verheiratet bin."

Mit einem langen Seufzer fhrt Phil fort: "Ein paar Tage spter verschworen sich die Liebenden erneut, ihn zu ermorden. Diesmal lieen sie einen groen Kronleuchter auf ihn fallen. Sie verfehlten ihn. Am Abend, in ihrer Wut ber ihr Versagen, stie sie ihm einen Dolch tief in den Rcken und sah kalt zu, wie sein Leben dahinschwand. Ihr Geliebter begrub ihren Mann in einer hintersten Ecke des Weinkellers. Sie plante, sein Verschwinden am nchsten Morgen bekannt zu geben und nach ein paar Monaten wieder zu heiraten. Spter in der Nacht, whrend sie ihre Geschichte ber das Verschwinden ihres Mannes perfektionierten, erhob sich der Geist ihres Mannes, um sie zu vernichten. Sein Geist jagte sie aus dem Schloss. Der Geist erschreckte sie und flohen in eine Hhle gleich hinter der Wiese hinter dem Schloss. Dann lie er den einzigen Eingang einstrzen und lie die beiden Liebenden gemeinsam sterben."

Michael trinkt seinen Tee aus, stellt seine Tasse zurck auf das Tablett und lauscht der Geschichte.

Der Regen hrt auf, als Phil seine Geschichte beendet: "Seit jener Nacht fand der Geist ihres Mannes keine Ruhe. Er fhlte sich schuldig fr ihren Mord und irrte durch die Hallen dieses Schlosses, unfhig zu gestehen."

Nachdem der Regen aufgehrt hat, spricht Michael den alten Mann an: "Hm. Nun ja, der Regen hat aufgehrt. Ich sollte meinen Reifen reparieren lassen. Danke, dass ich den Sturm abwarten durfte, aber ich muss jetzt los."

Erleichtert sagt der alte Mann: "Danke, dass du dir meine Geschichte angehrt hast, Michael. Gute Nacht."

Michael schttelt dem alten Mann die Hand und verlsst den Raum. Er verlsst das Schloss und geht zurck die Strae hinauf.

Als er an seinem Auto vorbeigeht, sieht Michael, dass sein Reifen nicht mehr platt ist. Michael denkt sich: "Der alte Mann muss ihn repariert haben, aber wie?" Michael fhlt sich verpflichtet, Phil zu danken und fhrt mit seinem Auto zum Schloss.

Im Licht seines Autos fllt Michael auf die Tr, die er gerade verlassen hat. Vllig verwirrt holt er schnell das Brecheisen aus seinem Kofferraum und hebelt die Bretter von der Tr.

Auf der Suche nach dem alten Mann rennt Michael zurck in den Raum, in dem er und Phil gesprochen haben, doch was er vorfindet, verwirrt ihn nur. Bis auf einen zerbrochenen Stuhl und ein Portrt ist der Raum leer. Als Michael das Gemlde genauer betrachtet, bemerkt er, dass nun auch ein Mann darauf sitzt.

Als Michael vor das Gemlde tritt, erkennt er, dass der Mann auf dem Hengst Phil ist. Unglubig liest Michael die Inschrift auf dem Messingrahmen: "Lord Philip Frederic La Rue III, 1538".

Als Michael sich vom Portrt abwendet und sich zum Gehen wendet, spricht die Stimme des alten Mannes schwach zu ihm: "Danke, Michael. Jetzt kann ich mich ausruhen."

										ENDE

